Wie man den Kreislauf seiner Dosenöffnerin morgens in Schwung bringt

Eine Anleitung von Bailey

1. Rühre dich ca. 10 Minuten vor dem Losgehen des Radioweckers, aber nur so viel, dass die Dosenöffnerin gerade mal wach wird. Sie wird einen Blick auf den Radiowecker werfen und sich freuen, dass sie noch liegen bleiben darf.

2. Springe dann vom Bett, gehe in die Küche und knabbere lautstark ein paar Stück Trockenfutter. Nun beginnt das Gehirn der Dosenöffnerin zu arbeiten. Du erreichst damit a) dass sie noch vor Losgehen des Weckers aufspringt und dir sofort dein Nassfutter richtet, um nichts wegschmeißen zu müssen, oder b) dass sie zwar liegen bleibt, sich aber tierisch ärgert, dass wohl wieder der Großteil des Nassfutters übrig bleiben wird. Die 2. Möglichkeit ist die interessantere, achte deshalb darauf, dass du mindestens 5 - 10 Minuten vor dem Wecker vom Bett springst - die Dosenöffnerin wird um diese Minuten kämpfen.

3. Verschwinde durch die Katzenklappe ins Freie. Keine Angst, die Dosenöffnerin wird mit deinem Frühstück warten, bis du wieder zurück bist - schließlich ist es ihr wichtig, dass du es so frisch wie möglich serviert bekommst. Wenn du die Lichter angehen siehst, warte noch ein bisschen, bis die Dosenöffnerin voll mit sich im Bad beschäftigt ist, dann folge ihr.

4. Leg dich in das Waschbecken, an dem sie sich gerade waschen will. Sie hat ja noch ein zweites. Angle nach dem Applikator für den Lidschatten. Damit erreichst du, dass die Dosenöffnerin aus ihrem Halbschlaf aufschreckt, aus Angst, du könntest ihn verschlucken. Sie wird ihn dir entreißen. Wenn du zwischendurch irgendetwas runterschmeißt, wird sie das ablenken, und du kannst dir den Applikator wieder holen. Lass dich nicht entmutigen, wiederhole das Spiel mindestens 5x, egal wohinter sie ihn versteckt.

5. Erwecke den Eindruck einer hungrigen Katze. Da die Dosenöffnerin mit den Renovierungsarbeiten an ihrem Gesicht fertig ist, wird sie mit dir in die Küche gehen. Unterstreiche deinen Hunger, indem du auf die Küchenarbeitsplatte hüpfst und noch während dem Einfüllen aus dem Napf frisst. Wenn die Dosenöffnerin dir den Napf entreißt und an deinen Fressplatz stellt, reagiere mit Protest und spiele die Beleidigte. Bleib auf der Küchenarbeitsplatte sitzen. Die Dosenöffnerin wird sich deiner erbarmen und dich vor den Napf setzen.

6. Schnuppere kurz am Futter, dreh dich um und hüpfe erneut auf die Küchenarbeitsplatte. Nage an den frischen Trieben/Ablegern der Grünlilie. Die Dosenöffnerin wird wieder Energie verbrauchen, indem sie dir das verbietet. Reagiere weder auf "Nein!" noch auf wegschubsen. Das Allerhöchste, was du dir gönnen darfst, ist ein erstaunter Blick. Hab keine Angst, wenn die Dosenöffnerin laut wird. Lange hält sie das um diese Zeit nicht durch. Und doch bringt es ihren Kreislauf in Schwung. Sie wird dich immer wieder auf den Boden setzen. Lass dich davon nicht irritieren, zeige auf keinen Fall irgendwelchen Unmut oder sonst eine Reaktion, wandere zum anderen Ende der Arbeitsplatte und spring erneut hoch. Wiederhole das Spiel mindestens 5 - 10x. Spätestens nach dem 6. Mal wird die Dosenöffnerin so weit sein, sich entmutigt ihrem eigenen Frühstück zuzuwenden.

7. Verfolge jeden ihrer Schritte, sieh genau zu, was sie in ihren eigenen Napf füllt, und versuch es zu probieren. Wenn sich die Dosenöffnerin an den Tisch setzt, widme dich wieder der Grünlilie. Wenn du keine Lust mehr hast, raschle zumindest daran, sodass die Dosenöffnerin sich nicht auf ihr Frühstück oder die Zeitung konzentrieren kann.

8. Wenn die Dosenöffnerin ihr Frühstück beendet hat, streiche ihr kurz um die Beine und laufe voraus ins Wohnzimmer. Selbstverständlich weißt du, dass sie erst Zähneputzen geht. Bring dich trotzdem in Erinnerung, indem du dich im Wohnzimmer möglichst laut beschäftigst. Schiebe Zeitungspapier oder Kartons durch's Zimmer, kratze am Teppich, und versuche, die Holzverbauung unter dem Computertisch  mit lautem Knall umzuwerfen (hat sie wirklich geglaubt, mich so etwas Lächerlichem könne man dich von den Elektrokabeln fernhalten???). Die Dosenöffnerin wird sich freuen, dass du in Spiellaune bist und sich mit dem Zähneputzen beeilen, um möglichst lange mit dir spielen zu können.

9. Wenn die Dosenöffnerin ins Wohnzimmer kommt, lege dich ermüdet auf den Boden und reagiere nicht, wenn sie eine Fellmaus wirft. Sieh sie aus halbgeschlossenen Augen an und reagiere immer noch nicht auf die permanent Fellmäuse schwingende Dosenöffnerin.

10. Fang an, dich ausgiebig zu putzen. Wälze dich auf dem Boden. Die Dosenöffnerin wird zur Bürste greifen, um zu testen, ob das von dir gewünscht ist. Schnurre beim ersten Bürstenstrich und räkle dich wohlig. Die Dosenöffnerin wird das als Aufforderung verstehen, dich aufheben und dich mit auf die Couch nehmen. Setze dort etwa nach dem dritten Bürstenstrich dein Spielgesicht auf und beiße in die Knöpfe ihrer Strickjacke. Erhebe dich spätestens nach dem 5. Bürstenstrich und hüpfe auf den Boden. Pfötle kurz mit einer Fellmaus, um der Dosenöffnerin zu zeigen, dass du jetzt zum Spiel bereit bist. Sie wird zu dir kommen und dich unterhalten.

11. Ziehe dich in Lauerstellung hinter eine Deckung, unter das Sofa oder die Eckbank zurück, erwecke den Eindruck eines sofortigen Angriffs, rühre dich aber nicht von der Stelle. Sollte die Dosenöffnerin das Interesse am Schwingen der Fellmäuse verlieren, starte einen kurzen Angriff. Spiele Tennis mit der Maus, wirf sie in eine möglichst entlegene Ecke des Zimmers und verlier sofort das Interesse an der Maus. Wiederhole das Spiel so lange, bis die Dosenöffnerin keine Mäuse mehr in Reichweite hat. Verfolge sie beim Einsammeln der Mäuse penetrant. Will sie das Spiel erneut aufnehmen, stelle dich schlafend.

12. Du kannst dich auch von deinem Kater ablösen lassen. Er hat seine eigene Beschäftigungstherapie, indem er Interesse heuchelt, dann aber mit größter Selbstbeherrschung seine Lieblingsmaus ignoriert, sich in seinen Karton zurückzieht und diesen in fingernagelgroße Fetzen reißt, die er ausspuckt und im Wohnzimmer verteilt.

13. Erwecke den Eindruck einer sehr müden Katze, ziehe dich an einen Schlafplatz zurück und döse. Gehe auf keine Spielversuche mehr ein. Inzwischen dürften der Dosenöffnerin noch 5 - 10 Minuten bis zum Verlassen des Hauses bleiben, sie wird diese ruhig lesend auf der Couch verbringen. Warte ein paar Minuten, dann komme schnurrend an und verlange, gebürstet zu werden. Du wirst merken, wenn die Dosenöffnerin aufgrund der fortgeschrittenen Zeit langsam nervös wird. Werde dann umso schmusiger, sodass sie sich kaum losreißen kann. Lass dich von deinem Kater unterstützen, der in einen seltenen Anfall von Spielwut ausbricht. Die Dosenöffnerin wird die Wohnung mit dem schlechtest möglichen Gewissen verlassen und schnellstmöglich zurückkommen. Außerdem läuft ihr Kreislauf bereits auf Hochtouren, und sie ist somit fit für den Tag.

Eure Bailey


All das hier Beschriebene ist nicht erfunden, es ist alles tatsächlich so passiert. Und zwar nicht nur einmal, sondern oft. Sehr oft. Aber als ich das vor einigen Jahren niedergeschrieben habe, sind ALLE diese Punkte an einem einzigen Morgen noch vor der Arbeit bis ins kleinste Detail ganz genau so passiert.

Wenn ich das jetzt mit einigen Jahren Abstand so durchlese, kommt mir die Erkenntnis, dass Erziehungsmaßnahmen durchaus fruchten können. Es hat sich tatsächlich einiges geändert.

Wenn Bailey jetzt meint, aus dem Napf fressen zu müssen, während ich ihn noch fülle, lasse ich ihn eben auf der Küchenarbeitsplatte stehen und Bailey dort fressen. Wenn sie hingegen nicht fressen will, wenn ich das Futter hergerichtet habe, bekommt Madame erst eine Probe zum Vorkosten auf dem Finger serviert, damit sie es sich vielleicht doch noch überlegt. Im Bad hat Bailey inzwischen ihr eigenes Waschbecken, das mit einem Kuschelbett ausgestattet ist. Beim Frühstück bettelt sie nicht mehr, denn ich esse kein Müsli mehr oder sonst irgendwas mit Milch. Die Grünlilie gibt es auch nicht mehr. Wenn Bailey am Boden gebürstet werden will, dann wird sie eben dort gebürstet, egal wie unbequem das für die Dosenöffnerin ist. Um nicht ständig alle Fellmäuse einsammeln zu müssen, wurden mehr davon angeschafft und die Öffnungen unter Schränken mit Karton zugeklebt.

Ja, Erziehung macht tatsächlich Sinn. Fragt sich nur, wer wen erzieht. Oder hat tatsächlich auch nur ein Katzenbesitzer geglaubt, ICH hätte meine Terrorkatze erziehen können???


"Ein Schriftsteller ohne Katze ist beinahe unvorstellbar. Eigentlich zeugt es von einem komischen Geschmack, weil es fast einfacher wäre, mit einer Horde Büffel im Zimmer zu schreiben als mit alleine nur einer Katze; sie bauen Nester in deinen Stapeln von Aufzeichnungen, schlagen ihre Zähne in das Ende deines Stiftes und laufen über deine Tastatur." 
Barbara Holland

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