Freigang oder nicht?

Ob man seiner Katze Freigang gewährt, hängt zuallererst einmal davon ab, ob die äußeren Bedingungen und die Wohnsituation es überhaupt erlauben. In der Stadt wäre es selbst für mich als Verfechter des Freigangs kein Thema, weil es einfach zu gefährlich ist. Abgesehen davon hätte eine Katze in der Stadt zwar vielleicht mehr Bewegungsspielraum, aber kein natürliches (grünes) Jagdrevier.

Whisky bei einem der ersten Ausflüge in den Garten

In größeren verkehrsberuhigten Zonen mit Grünflächen, die weiträumig nur von Zufahrtsstraßen ohne Fließverkehr unterbrochen sind, könnte ich es mir wiederum vorstellen, wobei es im 4. Stock eines Wohnblockes schon aus logistischen Gründen schwierig sein dürfte, wenn die Katze nicht selbständig zumindest bis auf den eigenen Balkon kommen kann, wo sie rein oder raus gelassen wird.

In ländlicher Umgebung finde ich es schade, wenn man keinen Weg findet, der Katze dieses Vergnügen zu gönnen, aber es gibt natürlich auch dort manchmal Gründe, die dagegen sprechen können. Direkt an sehr stark befahrenen Hauptstraßen kann ich jeden Halter verstehen, der einfach zuviel Angst vor dieser Gefahr hat, besonders wenn schon mal eine eigene Katze überfahren wurde. Auch in Gebieten, wo bekannt ist, dass Katzen "verschwinden", öfter von Jägern angeschossen werden, häufig von Jugendlichen gequält werden oder schon Katzen vergiftet wurden, ist das Thema Freigang selbst in der schönsten Umgebung gut zu überlegen.

Garantien gibt es nie, auch nicht in noch so ruhigen Zonen. Eine Katze kann auch vor der eigenen Garage vom eigenen Auto überrollt werden, wenn ein paar unglückliche Zufälle zusammenkommen. Eine Katze auf der Flucht kann einem auch auf einer ruhigen Zufahrtsstraße ins Auto laufen, selbst wenn man noch so vorsichtig fährt. Eine erschreckende Katze oder eine Katze auf der Jagd, die ihren Blick auf die Beute gerichtet hat und für alles andere blind ist, kann auch in das einzige Auto laufen, dass einen ansonsten quasi verkehrsfreien Güterweg entlang fährt. Ganz wird man sie nie beschützen können.

Whisky und Bailey auf der Terrasse

Diese Gefahren sind auch mir alle bewusst, aber ich bin der Meinung, dass man das Risiko auch mit dem glücklichen Leben der Katzen abwägen muss. Ich selber habe während meiner Kindheit/Jugend 3 Katzen durch Autounfälle verloren, weil wir zwar in einem kleinen Dorf, aber an einer der Hauptstraßen wohnten. Jetzt ist dieselbe Straße zwar ca. 50 Meter Luftlinie entfernt, aber auch das ist für eine Katze nicht weit. Trotzdem habe ich mich FÜR den Freigang entschieden - im vollen Bewusstsein, dass die Katzen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein sehr viel kürzeres Leben haben und sie möglicherweise nicht einmal das erste Lebensjahr überleben.

Ich glaube, auf all diesen Seiten hier wird wirklich deutlich, wie sehr ich meine Katzen liebe, wie wichtig sie mir sind und dass ich sie sicher nicht leichtfertig allen möglichen Gefahren aussetzen würde. Wer mich einmal erlebt hat, wie nervös oder sogar panisch ich werde, wenn eine der beiden auch nur mehr als ein paar Stunden nicht nachhause kommt, wird bestätigen, welche Ängste ich ausstehe und wie sehr ich mich um sie sorge.

Um sich trotz allem für den Freigang entscheiden zu können, muss man einfach erlebt haben, wie glücklich Katzen draußen sind. Sämtliche Sinne werden beansprucht - auch wenn sie nur im Schatten liegen, sind sie ständig gefordert. Sie haben optische Reize wie Vögel oder Schmetterlinge, sie haben akustische Reize wie Vogelgezwitscher oder das Summen von Insekten, und die Natur hat ein riesiges Spektrum an interessanten Düften zu bieten. Irgendwas ist immer in Bewegung, irgendwas tut sich immer. Sie haben Kontakt zu anderen Katzen und können selber entscheiden, ob sie es beim Sichtkontakt belassen oder sich eine Katzenfreundschaft entwickelt. Sie haben Platz, können rennen. RICHTIG rennen, was ihnen in einer Wohnung im Zeitalter des Fliesen- oder Laminatbodens oft gar nicht möglich ist. Und vor allem, und das ist es, was das höchste Katzenglück ausmacht, sie können jagen. Katzen sind zum Jagen geboren, alle ihre Sinne sind darauf ausgerichtet, der Jagdtrieb ist ihnen angeboren. Kein noch so hochwertiges Spielzeug kann je eine Mäusejagd ersetzen, wo sie die Beute erst akustisch hören, dann aufspüren, dann mit selber ausgeklügelten strategischen Zügen erjagen, töten und schlussendlich fressen. Als Freigänger können sie im vollen Umfang KATZE sein.

Whisky im Garten
Bailey fixiert etwas im Gras

Ich sehe bei meinen Katzen, wie anders sie draußen aussehen, wie sich allein schon der Gesichtsausdruck verändert. Sie sehen einfach zufrieden aus. Wie nötig sie den Freigang auch zu ihrem psychischen Wohlbefinden brauchen, sehe ich daran, wie sie sich sich im Sommer und im Winter verändern. Im Sommer holen sie sich ihre Beschäftigung, ihre Unterhaltung, ihre Erfolgserlebnisse draußen. Sie haben Abwechslung, sind geistig und körperlich gefordert. Wenn sie heimkommen, sind sie müde, aber zufrieden, gut gelaunt und ausgeglichen, daher auch oft in Schmuselaune. Selbst mit der extrem bewegungssüchtigen Bailey brauche ich kaum zu spielen, und wenn, dann zeigt sie mir deutlich, dass sie draußen auf dem Rasen und nicht im Wohnzimmer spielen will.

Bailey auf ihrem Aussichtsplatz auf dem Baum

Im Winter, wenn es kalt ist, ändert sich alles. Sie haben zwar nach wie vor uneingeschränkten Freigang, aber wenn es nicht der Schnee ist, verhindert die Kälte längere Ausflüge. Whisky schläft fast rund um die Uhr und liegt nur faul herum, zum Spielen ist er kaum zu bewegen. Und obwohl man dann annehmen würde, dass er wenigstens beschmust werden will, ist er lange nicht so schmusebedürftig und viel geiziger mit seinen Zärtlichkeiten als im Sommer, wenn er glücklich und ausgeglichen ist. Stattdessen macht er, aus Mangel an Beschäftigung, im Winter vermehrt Jagd auf Bailey. Es kommt öfter zu Kämpfen mit lautem Geschrei, zumal er ihr gewichts- und kräftemäßig deutlich überlegen ist. Bailey wäre zwar viel schneller, kann das aber auf dem glatten Parkettboden nicht zu ihrem Vorteil nutzen und zieht meist den Kürzeren.

Bailey, die regelrecht hyperaktiv ist, sehr viel Bewegung braucht und sich auch nicht gerne alleine beschäftigt, leidet im Winter noch viel mehr als Whisky. Sie beansprucht dann jede Minute meiner Freizeit, indem ich jeden Abend meist mehrere Stunden mit ihr spielen muss. Sie lässt mich kaum einen Schritt machen, ohne dass sie sich in Erinnerung bringt und beschäftigt werden will. Sie sieht mich quasi den ganzen Winter über mit entsetzlich vorwurfsvollem Blick an, der mir ein permanent schlechtes Gewissen verursacht, sodass mir im Frühjahr ein Felsbrocken vom Herzen fällt, wenn der Schnee schmilzt, sie wieder uneingeschränkten Zugang zu ihren Spazierwegen und Lieblingsplätzen hat und auch die Temperaturen wieder längere Ausflüge erlauben.

Kaum ist das der Fall, kommt so ein Schwung Lebensfreude in die Katzen, das kann man nicht beschreiben, das muss man einfach erlebt haben! Genau aus diesem Grund werde ich mich immer wieder für den Freigang entscheiden. Selbst wenn meine Katzen dann vielleicht ein kürzeres Leben haben, weiß ich doch, dass es ein sehr glückliches Leben war.

Whisky an einem schattigen Beobachtungsplatz

Wirklich großartig ist, dass es Katzen in allen Varianten gibt. Man findet sie passend zu jeder Einrichtung, jedem Einkommen, jeder Art der Persönlichkeit und der Laune.
Aber unter dem Pelz lebt unverändert eine der freiesten Seelen der Welt.
Eric Gurney

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